Sonntag, 16. Januar 2011

Charlotte Thomas - König der Komödianten

"Der Literaturmarkt ist ein Haifischbecken!"

Der "König der Komödieanten" und allerlei Geheimnisverrat aus dem Schriftstelleralltag

Rinteln. (cok) Fast ausschließlich Frauen saßen im Publikum, als die Schriftstellerin Charlotte Thomas in der Buchhandlung Sedlmair aus ihrem neuen Roman vorlas. Das ist nicht verwunderlich, sind es doch speziell weibliche Leser, die historisierende Dramen lieben, mit möglichst viel Herz, Schmerz und gerne auch bedrohlichen Szenarien. Thomas' Geschichte vom "König der Komödieanten" ist zwar eine Komödie. "Aber genau da sehe ich auch eine Marktlücke", so freimütig die Autorin.

Gekleidet in ein wunderschönes Seidenkleid im Stil der Renaissance zog sie ihre Zuhörerinnen hinein in die Abenteuer des jungen Marco, der sich einer Schauspieltruppe anschließt und, wie es scheint, recht bald Leben und Commedia dell'arte heillos miteinander verwirbelt. Besonders interessant war eine Szene, in der der begabte Junge zusammen mit dem trunksüchtigen Stückeschreiber der Truppe an einem neuen Drama arbeitet und in amüsant geschilderter Strategie eine Hauptfigur entwirft, die dem Publikum gefallen und möglichst guten Verdienst einbringen soll.

Sicher mit Absicht entsprachen die Grundlinien des zukünftigen Dramas Shakespeares' Stück vom eifersüchtigen "Othello", das ja eines der größten Erfolge in der Geschichte des Theaters wurde. Zugleich aber sieht sich der Junge selbst von der Eifersucht des Stückeschreibers bedroht und nutzt die Gelegenheit, seine eigenen Erlebnisse literarisch umzuformen. daran anschließend erzählte Charlotte Thomas allerlei aus ihrer täglichen Schriftstellerinnenarbeit. "Sicher kommen dabei auch die eigenen Vorlieben und Gefühlserfahrungen zum Tragen", sagte sie. "Doch in erster Linie muss ich ganz genau planen, was sich dann schließlich auch gut verkaufen lässt."

Mindestens einmal im Jahr erscheint ein Buch aus ihrer Feder, und viele der Zuhörerinnen waren nicht schlecht erstaunt über die große Anzahl der Pseudonyme, unter denen sie neben ihren Historienromanen auch Jugendbücher schreibt, unterhaltsame Reiseberichte oder, als "Paula Renzi", unterhaltsame Beziehungsgeschichten, die alles in allem Verkaufszahlen von bereits über einer Million erzielten. "Der Literaturmarkt ist das reinste Haifischbecken", sagte sie. "Nur wer ununterbrochen am Ball bleibt und sich seine eigenen Räume schafft, hat eine Chance zu überleben."

Das klang unerwartet unromantisch, ganz im Gegensatz zu den Titeln ihren bisher erschienen Historienromane: "Die Madonna von Murano", "Die Lagune des Löwen", oder "Die Liebenden von San Marco". "So ist es nun mal", meinte sie, "die Romane entstehen quasi am Reißbrett, es ist mehr eine Sache der Transpiration als der Inspiration. Schon während ich an einem Buch noch schreibe, entwerfe ich bereits das nächste und zwischendurch korrigiere ich die Druckfahnen des Vorgängers." Da könne es glatt mal passieren, dass sie die vielen Namen durcheinanderbrächte, gestand sie lächelnd.

Ihre Fans nahmen ihr solche Geständnisse nicht übel, im Gegenteil, sie zeigten sich ziemlich beeindruckt und drängelten sich nach der Lesung um die Büchertische. Charlotte Thomas heißt mit bürgerlichen Namen übrigens Eva Völler, sie studierte Philosophie und Jura, und war lange als Richterin am Landgericht Darmstadt tätig, bevor sie sich endgültig für die freie Schriftstellerei entschied. Dieses Vorleben mag ihr dabei geholfen haben, mit so großer Disziplin an ihren Texten zu arbeiten, die den Lesern viele Stunden vergnüglichen Abstand vom Alltag ermöglichen.

Auch in Zukunft soll es Lesungen in der Buchhandlung Sedlmair geben, mit bekannten Autoren ebenso wie zum Beispiel am Nikolaustag mit der beliebten "Leseoma" Helga Frevert, die Kindern ab drei Jahren Geschichten zur Weihnachtszeit vorstellen wird.

"Der König der Komödianten" erschien gerade im Lübbeverlag und kostet 22,90 Euro.

Hartz IV - irgendwie überleben

"Man kommt rum mit Hartz IV - irgendwie"

Von Cornelia Kurth

Die Regelsätze für Hartz IV sind neu berechnet. Bis auf den Cent genau liegt fest, was ein Mensch zum würdigen Überleben braucht. 128,46 Euro pro Monat sind es für Essen und Trinken, 30,40 Euro für Bekleidung und Schuhe, 15,55 Euro für die "Gesundheitspflege" inklusive Praxisgebühr. Alle insgesamt elf Posten summieren sich auf die Summe von 364 Euro, fünf Euro mehr als bisher. Wie geben Hartz IV-Empfänger das Geld im wahren Alltag aus?

Interessiert beugen sich Wolfgang B. (58) und Zlatko S. (42) über die Liste mit der Durchschnitts-Ausgabenaufstellung. Sie lachen. "Mit diesen Zahlen kann ich nichts anfangen", meint Zlatko. "Ich kann einfach nur sagen: Meine Familie spart, wo es nur geht."

Zlatko ist gelernter Koch, ein Serbe, der schon seit seiner Jugend in Deutschland lebt, sich oft mit verschiedensten Jobs über Wasser hielt und nun seit 2007 zusammen mit seinen zwei Kindern und seiner Frau, die eine Halbtagsstelle hat, das Arbeitslosengeld II erhält. Eine Zeitlang arbeitete er im Rahmen eines Ein-Euro-Jobs auf dem Rintelner Friedhof. Er gehört zum Stadtelterrat und engagiert sich außerdem in der Ortsgruppe der "Linken". Wolfgang B. ist sein Freund und Parteigenosse. Der IT-Techniker verlor seine Arbeit, als seine Firma Insolvenz anmelden musste und lebt seit anderthalben Jahren ebenfalls von Hartz IV. Beide suchen Arbeit. Beide rechnen sich wenig Chancen aus.

"Ich weiß gar nicht genau, wofür ich mein Geld im Einzelnen ausgebe", meint Wolfgang. "Fürs Essen brauche ich auf jeden Fall mehr als 128 Euro. Dafür kaufe ich mir nur selten neue Klamotten. Ich war ja gut ausgestattet aus der Zeit, als ich noch richtig Geld verdiente. Das trage ich eben auf." Da er auch kein Internet besitzt, ein Posten, für den der neue Regelsatz monatlich 31,96 unter dem Stichwort "Nachrichtenübermittlung" vorsieht, fällt es für ihn nicht ins Gewicht, dass im Budget kein Etat mehr für Rauchen und mal ein kleines Bier vorgesehen ist. "Für mich wird immer das Wichtigste sein, dass ich mal unter Menschen komme, einen Kaffee trinken gehe oder auch mal ins Kino."

Zlatko sieht das nicht anders: "Ich muss meine sozialen Kontakte pflegen, sonst geht man ja ein. Aber es ist nicht einfach. Wenn sich zum Beispiel der Stadtelternrat im Bistro trifft, dann bestellen alle zwei, drei Getränke - und ich nur ein Wasser. Zu Anfang war mir das sehr unangenehm. Aber jetzt sage ich einfach, was Sache ist: Ich kann mir eben nicht mehr leisten." Er will und muss so diszipliniert sein, um seiner Kinder Willen. "Die brauchen viel mehr, als im Regelsatz vorgesehen ist", meint er. "Ich will, dass sie so wenig wie möglich unter meiner Arbeitslosigkeit leiden."

Die beiden, acht und zehn Jahre alt, seien schon insgesamt bescheiden und wüssten, dass Urlaubsreisen und Freizeitpark nicht drin sind. "Aber was sie nicht ertragen könnten, wären zum Beispiel Kleidungsstücke vom Flohmarkt. Sie wollen absolut nichts Gebrauchtes tragen. Hätten wir genug Geld, würde es ihnen wahrscheinlich gar nichts ausmachen - aber so..." Dafür kaufen sich die Eltern nur sehr selten neue Sachen, haben auch schon längst kein Auto mehr, studieren alle Sonderangebote in Supermärkten und Modediscountern, auch wenn da nur Cent-Unterschiede bestehen, und freuen sich, wenn die Gr0ßmutter der Familie ab und zu ein Geschenk macht.

Weder Wolfgang noch Zlatko nutzen die Angebote der "Tafel" oder der Kleiderkammern. "Da verzichte ich lieber auf anderes", so Wolfgang. "Ich bin nicht so selbstbewusst, dass ich bei der 'Tafel' anstehen könnte und dadurch quasi öffentlich bekenne, dass ich arbeitslos bin und es anders nicht mehr schaffe." Dabei wären kleine Entlastungen der Haushaltskasse eine echte Erleichterung. Noch nämlich finanziert er sein altes Auto, in der Hoffnung, dass es ihm bei einem Stellenangebot nützlich sein könnte. Mit Steuer und Versicherung kostet das aber mehr als doppelt soviel wie die für den Posten "Verkehr" vorgesehenen 22,78 Euro.

Die beiden Männer unterstützten im letzten Jahr zur Weihnachtszeit zusammen mit anderen Genossen von den "Linken" das kostenlose "Ultimo"-Frühstück in der Rintelner evangelisch-reformierten Jacobi-Kirche und brachten selbstgebastelte Geschenktütchen mit Süßigkeiten vorbei. Auch in diesem Jahr sind sie wieder dabei. "Die Kinder dort freuen sich so darauf, man könnte glatt heulen", meint Zlatko. Etwa 150 Gäste hat das Weihnachts-"Ultimo"-Frühstück, ansonsten kommen dort einmal im Monat regelmäßig 35 bis 50 Männer, Frauen und kleine Kinder zusammen.

Martina Atalay gehört dazu, Familienmutter, die nach der Trennung von ihrem Mann Hartz IV bezieht. Sie sitzt an einem Tisch mit Volker Branahl, arbeitsloser Krankenpfleger, mit Marie M. (Name von der Redaktion geändert), die ihre kleine Tochter Michelle dabei hat und mit Dana Contzen, ebenfalls Mutter kleiner Kinder, deren Mann gerade so viel Geld verdient, dass das Familieneinkommen etwas über dem Hartz IV-Satz liegt. Sie machen Witze darüber, was man sich alles mit fünf Euro mehr pro Monat leisten kann, sie empören sich über Politiker, denen sie nicht zutrauen, zu wissen, wie viel ein Liter Milch oder eine Tiefkühlpizza kostet, und sie sprechen darüber, ob die Bildungsgutscheine für ihre Kinder wohl tatsächlich deren Teilnahme am kulturellen Leben verändern wird.

"Alle Kinder sollten solche Bildungsgutscheine bekommen", meint Dana Contzen, die kein Gartz IV bezieht. "Wir müssen auch jeden Cent umdrehen, aber wieder sind es nur die Hartz IV-Kinder, die unterstützt werden!" Sie lächelt in die Runde und sagt: "Euch meine ich ja nicht, aber..." - aber es störe sie schon sehr, wenn die Arbeitslosen sich beklagten und diejenigen, die arbeiten irgendwie untergingen. "Die bekommen 100 Euro für den Schulbedarf ihrer Kinder, während ich alles bezahlen muss!"

Die anderen Frauen nehmen ihr die Kritik nicht übel. "Die Bildungsgutscheine werden nicht viel ändern", sagt Marie M. "Auch jetzt schon kann man beantragen, dass die Kinder umsonst in Vereine reinkommen. Mein Sohn hat sogar eine Freikarte für das Schwimmbad. Man wird nur nicht darüber informiert, dass und wo es solche Hilfen gibt." Falls die etwa 20 Euro, die diese Bildungsgutscheine pro Monat wert sind, dafür ausreichen, möchte ihre Tochter so gerne Geigenunterricht haben.

"Und ich mache mir Sorgen über die Streichung des Heizkostenzuschusses", meint Martina Atalay. "Mit Kindern sind überhaupt so viele Dinge unkalkulierbar, Schulveranstaltungen, hier noch mal ein neues Buch und die ganzen Klamotten, aus denen sie so schnell rauswachsen. Ich verstehe ja die Leute, die arbeiten gehen. Doch ist es ja wohl keine Frage, dass unsere Kinder sich die Situation nicht ausgesucht haben. Darf man denn nicht mehr darüber klagen, dass wir so knapp bei Kasse sind?"

Was alle am Gespräch Beteiligten deprimiert: Sie sehen keine Veränderung ihrer Situation. ""Ich werde wohl bis an mein Lebensende vom Arbeitslosengeld leben", meint Volker Branahl. "Ich bin ja schon über 50 Jahre alt. Und aus keinem der wenigen Jobangebote wurde bisher mehr als eine Probezeit." Die Mütter in der Runde haben entweder wegen ihrer Kinder eine Berufsausbildung abgebrochen oder waren überhaupt noch nie berufstätig. Man spürt, dass ihnen jemand fehlt, der sie an die Hand nehmen und ins Berufsleben einführen könnte. Einzig Dana Contzen, die deutlich selbstbewusster wirkt als ihre Hartz IV-Bekannten, verdient sich durch Putzarbeit etwas dazu.

Wolfgang B., der IT-Techniker, der über eine Zusatzausbildung zum Microsoft Certified Systems Engineer verfügt und sich um Weiterbildungen bemüht, er sagt: "Ich habe so lange gearbeitet, fast 40 Jahre, und bin nun in dieser Abhängigkeit vom Staat, auf unabsehbare Zeit." Es wäre leichter für ihn, wenn er wüsste, dass Hartz IV nur eine Übergangslösung wäre. "Ja, so geht es mir auch", meint Zlatko S. dazu. "Ich bewerbe und bewerbe mich, ich kann so viele Dinge im handwerklichen Bereich - aber was dabei herauskommt, sind 1-Euro-Jobs oder Praktika, bei denen man nicht übernommen wird."

Die beiden Freunde haben sich im Sommer oft in der Stadt verabredet und die Bänke auf dem Marktplatz als Ersatz für das Straßencafé genutzt. Jetzt, wo die kalte Jahreszeit beginnt, wird es für sie schwieriger, auch mal außerhalb der eigenen vier Wände auf Freunde und Bekannte zu treffen. Zlatko nimmt es mit Humor: "Wir gehen einfach unter die schützende Brücke und schwingen die Flasche Rotwein mit der Aufschrift 'Pennerglück'", sagt er lachend. In Wirklichkeit mussten grad neue Winterjacken für die beiden Kinder gekauft werden. Zusammen 60 Euro. "Na ja - wie gesagt: Wir sparen an allem, wo es sich ergibt. Es geht schon. Man kommt rum, irgendwie."

Kampfhunde - Soll man sie aus dem Tierheim holen?

Von Cornelia Kurth

Immer wieder kommt es vor, dass Gianna Matthes (30) nicht einfach friedlich mit ihrem Rüden Mo spazierengehen kann. "Wie oft wurde ich schon wegen Mo böse angeguckt, beschimpft, ja sogar einmal angespuckt", sagt sie. "Ein Jogger rief im Vorbeilaufen: 'Sowas gehört erschossen!'" Besonders schlimm sei es dann, wenn in den Zeitungen von dem Angriff eines Kampfhundes auf ein Kind berichtet wurde. Mo ist ein Staffordshire Bullterrier, ein eher kleinerer, bulliger Hund, dessen Rasse in vielen Bundesländern auf der Rasseliste der gefährlichen Hunde steht. "Aber er ist nicht gefährlich", betont sie. "Er gehorcht mir aufs Wort, wir sind ein Herz und eine Seele, er ist ein Traumhund."

Anders als die meisten anderen Menschen hatte Gianna Matthes schon früh mit sogenannten Kampfhunden zu tun. Schon als Schülerin ging sie regelmäßig ins Tierheim Hameln, um sich dort um Hunde zu kümmern, die auf eine Vermittlung an neue Besitzer warteten. Während Dackel, Pudel, Bordercollies relativ schnell wieder ein neues Zuhause finden, bleiben Hunde wie Mo oft monate-, jahrelang im Tierheim zurück. Mit ihnen haben die Tierheimmitarbeiter also am intensivsten zu tun. "Da bauen sich verallgemeinernde Vorurteile wie von selbst ab", so Gianna Matthes. "Bullterrier können ganz wunderbare Tiere sein, wesensstark, auf den Menschen bezogen, freundlich, gehorsam."

Damals, im Jahr 2000, als Mo im Alter von sechs Monaten ins Tierheim Hameln kam, hatte er so gut wie keine Chance, einen neuen Besitzer zu finden. Gerade war in Hamburg ein schreckliches Unglück passiert. Ein Pitbull und ein Staffordshire Bullterrier hatten ein sechsjähriges Mädchen angefallen und zu Tode gebissen. Im ganzen Land wurde das generelle Verbot von Kampfhunden diskutiert, Listen der gefährlichen Hunde entstanden und wer eines dieser Tiere besaß, musste mit ihnen einen "Wesentest" durchführen lassen. Die Hunde kamen allgemein in Verruf und die entsprechenden Hundehalter sahen sich dem Verdacht ausgesetzt, sie besäßen solche Tiere nur deshalb, um sie als Drohmittel gegen ihre Mitmenschen einsetzen zu können.

"Rotkäppchen-Syndrom", so nennt es Dr. Ulf Güber, Amtstierarzt im Kreisveterinäramt Bückeburg, wenn manche Menschen schon allein beim Anblick einer Bordeaux-Dogge, eines Pitbulls oder Bullterriers Angst bekommen und geneigt sind, den Hund als gefährlich zu melden. "Diese Hunde fallen in der Statistik nicht häufiger auf als andere", sagt er. "Es gibt keine von vornherein 'bösen' Hunde. Da, wo sie Probleme machen, sind es fast immer die Besitzer, die falsch mit dem Tier umgehen." Seit vielen Jahren ist er für die Durchführung von Wesenstests an auffällig gewordenen Hunden zuständig. "Ich bin dabei vollkommen neutral. Das Wort 'Kampfhund' gibt es in meinem Sprachgebrauch gar nicht."

Kampfhunde - das waren ursprünglich Hunde, die tatsächlich für den Kampf gezüchtet wurden, sei es in den griechischen und syrischen Armeen der Frühzeit, wo sie in erster Frontlinie dem Feind entgegenstürmten, sei es vor allem im 18. und 19. Jahrhundert, wo man bestimmte Hunderassen gezielt dahin züchtete, dass sie untereinander oder gegen Bullen und Ratten kämpfen sollten. Der Name des amerikanischen "Pitbulls" entstand im Zusammenhang mit der Arena ("pit"), in der sie und andere Kampfhunde Ratten töteten, sich in die Schnauzen von Bullen verbissen oder gegnerische Hunde besiegten. Jack London hat solche grausamen Kämpfe eindrucksvoll in seinem Buch "Wolfsblut" geschildert.

Bezeichnend war, dass neben Mut, Kampfgeist und Willensstärke auch ein soziales Verhalten dem Menschen gegenüber zu den Zuchtzielen gehörte. Schließlich bewegten sich auch Schiedsrichter und Helfer in der Arena, die die Hunde auch während des Kampfes berühren mussten. Unbedingte Gehorsamsfähigkeit, Zutrauen, Treue und Friedfertigkeit gegenüber dem Menschen - das sind Wesenszüge, die gerade den als Kampfhunde bezeichneten Tieren immer noch in verstärktem Maße zugesprochen werden können. Als Hundekämpfe zu Beginn des 20. Jahrhunderts praktisch weltweit verboten wurden, durfte auch das Züchtungsziel der Aggressivität offiziell nicht mehr angestrebt werden.

Nun sind die Zucht oder Einfuhr von Hunderassen wie Staffordshire Bullterrier, American Staffordshire Terrier, American Pitbull Terrier und Bullterrier sowie Kreuzungen dieser Rassen untereinander oder mit anderen Rassen bundesweit verboten. Trotzdem existieren diese Hunde, entweder illegal eingeführt oder oft als Mischlinge, die zum Beispiel Tierärztin Isabelle von Götz aus Obernkirchen häufig in ihrer Praxis sieht. "Die benehmen sich ganz normal, wie andere Hunde auch", meint sie. "Schäferhunde könnten genau so in die Schlagzeilen kommen, wie eben alle größeren, kräftigen Hunde die Gefahr mit sich bringen, im Ernstfall schlimme Wunden zu hinterlassen." Auch sie betont, dass es der Besitzer sei, der einen Hund zu einem Freund des Menschen mache oder zu einer Gefahrenquelle. "Ich habe hier schon ziemlich böse Dackel gehabt." Auch die freundlichen Golden Retriever können zuschnappen, wenn sie falsch erzogen sind, oder Bordercollies, Hütehunde, die herumtollenden Kindern in die Fersen beißen, als seien sie Schafe, die zur Herde zurückkehren sollen. "Problematisch wird es mit 'Kampfhunden' eigentlich nur dann, wenn die Besitzer genau das haben wollen, einen Kampfhund."

Amtstierarzt Ulf Güber wird immer wieder gefragt, ob Kampfhunde, die aus schlechten Verhältnissen stammen, überhaupt resozialisierbar seien. Kann ein bissiger, aggressiver Hund jemals wieder in die Gemeinschaft mit den Menschen zurückkehren? "Ja, durchaus", sagt er. "Kein Hund wird als Kampfhund geboren, es sind unverantwortliche Menschen, die ihn dazu erziehen - und das könnte man mit vielen anderen Hunderassen ebenfalls tun, vor allem mit Hütehunden, die einen starken Beschützerinstinkt entwickeln."

Mit Hilfe eines kompetenten Hundetrainers und eines geschulten Besitzers sei es in den meisten Fällen möglich, auch falsch erzogene Hunde umzuerziehen. Wenn er zu einem problematischen Fall gerufen werde, um einen Wesenstest vorzunehmen, tue er das nicht von vornherein, um den fraglichen Hund aus dem Verkehr zu ziehen und die Besitzer zu sanktionieren. "Ich biete meine Hilfe an!" Manchmal müsse so ein Tier dann einen Maulkorb anlegen und grundsätzlich an der kurzen Leine geführt werden, in anderen Fällen werde ein Training in der Hundeschule verlangt.

Nur wenn sich - sehr selten - herausstelle, dass ein Hund aufgrund grausamer Behandlung unheilbar psychisch krank geworden sei und eine Psychose entwickelt habe, werde er eingeschläfert. "Das ist dann meistens auch im Interesse der Besitzer, die so ein krankes Tier ja selbst nicht beherrschen können."

Heidi Ballermann, eine der Leiterinnen vom Tierheim Hameln, sagt dazu: "Fast alle Hunde, die bei uns anlanden, stammen von 'anständigen' Leuten, die wegen Umzug, Geldmangel oder aus Altergründen keinen Platz mehr für ihr Tier haben. Hier sind auch Bullterrier und andere Kampfhunde, die in Familien mit Kinder aufgewachsen sind, liebevolle, freundliche Tiere, die wir mit bestem Gewissen weitervermitteln können." Das eigentliche Problem mit diesen Tieren läge ganz woanders: So müssten im benachbarten Nordrheinwestfalen oft besonders hohe Hundesteuern für "gefährliche Hunde" gezahlt werden, dazu sei häufig ein teurer Wesenstest gefordert, es sei also mit deutlich mehr Kosten verbunden, einen Kampfhund bei sich aufzunehmen. Hinzu käme, dass Besitzer von Bullterriern und ähnlichen Rassen sich darauf gefasst machen müssen, von anderen Leuten schief angeguckt zu werden. Das alles erschwere die Vermittlung.

"Ja - wir haben natürlich auch Tiere, die aus schwierigen Verhältnissen kommen", so Heidi Ballermann. "Um die kümmern wir uns ganz besonders, egal welche Rasse. Wir trainieren mit ihnen, bringen ihnen den nötigen gehorsam bei, nehmen ihnen ihre Ängste, und selbstverständlich machen sie dann auch einen Wesenstest. Erst dann sind sie zur Vermittlung freigegeben, an neue Besitzer, die wir uns ebenfalls genau ansehen und prüfen, ob sie Erfahrung im Umgang mit Hunden haben."

Dafür arbeitet das Tierheim nicht nur mit dem Kreisveterinäramt zusammen, sondern auch mit dem Herforder Verein "Bullterrier in Not", dessen Vorsitzende Claudia Schürmann zur Zeit etwa 40 'Kampfhunde' betreut und sie auf ihrer Internetseite vorstellt, damit sie bundesweit vermittelt werden können.

Auch sie spricht voller Zuneigung von den Hunden, die einen so schlechten Ruf genießen. "Bei uns in NRW mit den strengen Auslagen ist es besonders schwer, diese Hunde unterzubringen. Ich kann da nur die Niedersachsen beneiden, die neben Thüringen das einzige Bundesland sind, die Kampfhunde nicht von vornherein diskriminieren." Tatsächlich hob der niedersächsische Landtag die im Jahr 2000 in Deutschland eingeführte Rasseliste wieder auf, ebenso wie die Verpflichtung grundsätzlich einen Wesenstest für "gefährliche" Hunde durchführen zu müssen.

Man bezog sich dabei auf Erkenntnisse aus Dissertationen an der Tierärztlichen Hochschule Hannover, die unter anderem aufzeigen, dass beim Vergleich der "Kampfhunde"-Rassen mit der Kontrollgruppe der Golden Retriever kein Unterschied im Auftreten von inadäquat aggressivem Verhalten festgestellt wurde. Es sei somit ethologisch nicht vertretbar, dass bestimmte Hunderassen vom Gesetzgeber und der Gesellschaft diskriminiert werden.

Was Tierärzte, Tierheime und auch Tierpsychologen wie etwa Gabriela Badziong von der Praxis "Animal Team" in Heeßen fordern, sind insgesamt Maßnahmen, die für kompetente, fachlich gebildete und verantwortungsvolle Hundebesitzer sorgen. "Wenn es nach mir ginge, dann sollte - Niedersachsen hat sowas ja bereits in der Planung - ein Sachkundenachweis für alle Erstlingshundehalter verpflichtend sein", so etwa Amtstierarzt Ulf Güber.

Tierpsychologin Gabriela Badziong, zu deren Klientel immer wieder auch Rottweiler oder Bullterrier gehören, sie bereitet gerade einen American Staffordshire Terrier auf seine Vermittlung vor. "Der arme Hund sitzt schon so lange im Tierheim, und überhaupt haben die Kampfhunde im Heim oft eine traurige Geschichte hinter sich." Das Wichtigste für die Hunde sei das Erlernen des Grundgehorsams, das Wichtigste für die Hundehalter, dass sie ihrem Tier auch in angespannten Situationen vermitteln können: 'Ich habe die Situation im Griff'." Jeder Hundehalter müsse die Körpersprache seines Tieres verstehen können. "Kein Hund greift aus dem Nichts heraus andere Hunde oder gar Menschen an."

Der Staffordshire Bullterrier Mo hatte wirklich Glück mit seiner Besitzerin Gianna Matthes, die sich auch noch zweier riesengroßer Deutschen Doggen angenommen hat. "Wenn man, wie ich, so viel mit Hunden umgeht, dann sind diese eher ungewöhnlichen Rassen besonders interessant", sagt sie. Sie hatte intensiv mit Mo trainiert, sich auch die Hilfe eines Hundetrainers besorgt und sich insgesamt mit Fachwissen und Liebe auf den Hund eingelassen. "Und das sollte man überhaupt immer so machen", sagt sie. "Dann würde es nämlich gar keine gefährlichen Hunde mehr geben."

Transsexuell - "Ich war nie ein Mann"

Von Cornelia Kurth

Alexandra Galle (56) aus Bad Eilsen ist Schiffselektrotechnikerin. Jahrelang fuhr sie zur See, unter anderem auf Europas größtem Trockenfrachtschiff, der MS Hermod, wo sie verantwortlich war für die die gesamte Elektronik an Bord und im Maschinenraum des damals mächtigsten Dieselmotors der Welt. Selbst fast 1,90 Meter groß und kräftig, bewegte sie sich unter rauen Männern, und als sie später auf der MS Thor anheuerte, nannte sie der leitende Schiffsingenieur: "Meine Lieblings-Elektrikerin". Ein wirklich ungewöhnlicher Beruf für eine Frau. Beworben hatte sie sich dafür mit einem Männernamen im Seefahrtsbuch und bis zu ihrem Outing an Bord hatten alle auch wie selbstverständlich gedacht, sie sei ein Mann.

"Aber ich war nie ein Mann!", sagt sie. "Ich hasse es, wenn man so über mich redet, wenn es heißt, ich hätte mein Geschlecht 'umgewandelt'. Ich wurde mit männlichen Geschlechtsmerkmalen geboren, ja. Doch schon als kleines Kind war mir irgendwie klar, dass das was ganz Grundsätzliches nicht stimmt. Ich bin eine Frau, schon immer gewesen. Und trotzdem musste ich mir mein Frausein so schmerzhaft erkämpfen."

Dass sie Schiffsbetriebstechnik studierte und einen Beruf wählte, der mehr als die meisten anderen als Männerberuf gilt, ja - sie lacht auf ihre ansteckende Weise - dass sei durchaus typisch für transsexuelle Frauen. "Als Jugendliche hatte ich die Hoffnung aufgegeben, jemals so sein zu können, wie ich eigentlich bin. Ich dachte: o.k., bitte, dann spiele ich eben dieses Schauspiel für euch!" Viele der Menschen in ihrer Situation würden es ähnlich machen und zur Bundeswehr gehen, Automechaniker werden, irgendetwas besonders Männliches tun und eine Zeitlang versuchen zu beweisen, dass sie sich anpassen können, zur Gemeinschaft dazugehören können.

Aber es gelang nicht, diese Rolle aufrechtzuerhalten. Es hatte ja schon in der Kindheit nicht geklappt, wo sie sich immer wieder heimlich die Kleidung ihrer großen Schwester anzog und dafür die Prügel von ihrem Vater einsteckte und die heftigen Zurechtweisungen ihrer Mutter. "Ich war, seit ich denken und fühlen konnte, im Zwiespalt gewesen. Ich fühlte mich als Mädchen und wollte doch als Junge dazugehören, normal sein. Schließlich war ich überall Außenseiter. Nur wenn ich mich in meine eigene kleine Welt zurückzog, in meine innere Fluchtburg, konnte ich manchmal auf fast unheimliche Weise glücklich sein."

Damals in den 1980er Jahren, als sie auf der MS Thor fuhr, da vertraute sie sich nach einigen Monaten dem Schiffsingenieur an. "Das war ein ostfriesischer Riese, ein Mann mit dem Herz am rechten Fleck und mein bester Kumpel. Er tröstete mich oft wie ein großer Bruder und wenn jemand von den anderen mich mobben wollte, dann ging er auch mal mit der Faust dazwischen." Die Zeit auf den Schiffen, weit draußen auf dem Meer, fern der Familie und fern einer Gesellschaft, in der sie sich immer fehl am Platz fühlen musste, war einigermaßen erträglich. "Seltsam, nicht wahr, dass ich in dieser Männerwelt und unter den Seeleuten noch am besten klarkam."

Allerdings hatte sie da auch bereits schon an Selbstbewusstsein gewonnen. Die Schiffe der großen Reederei, wo sie beschäftigt war, liefen immer wieder Rotterdam an. Von einem holländischen Arzt, den sie dort aufsuchte, wurde sie an das Klinikum Amsterdam überwiesen, wo nach vielen Monaten und vielen Untersuchungen die Diagnose gestellt wurde, dass sie transsexuell sei, tatsächlich nur körperlich ein Mann, von der Psyche her aber unabänderlich eine Frau. Sie solle unbedingt eine Hormonkur beginnen, anders wurde es niemals gehen, hieß es.

"Ich konnte das kaum fassen", meint Alexandra Galle. "Obwohl doch bestätigt wurde, was ich eigentlich schon immer wusste, war es wie ein Schock für mich. Es ist also wirklich wahr! Schaut her - ich spinne nicht!" Von Holland aus war es kein Problem, die entsprechenden weiblichen Hormone verschrieben zu bekommen, die die Körperbehaarung reduzieren, einen Busen wachsen lassen, den Körper nach und nach auf eine frauliche Erscheinung hin verändern. "Nun wurde ich zwar erst recht zum bunten Vogel, auch äußerlich zur Außenseiterin", sagt sie. "Und doch war das besser als alles vorher."

Vorher - vor dieser ärztlichen Bestätigung, dass es Transsexualität wirklich gibt, dass man sich ihr stellen muss und eine Behandlung braucht, die Körper und Psyche in Übereinstimmung bringt, da war sie schon so oft bei Ärzten, Psychologen und Psychiatern gewesen, zum ersten Mal bereits im Alter von fünf Jahren, als sich ihre Mutter, eine Küsterin, Sorgen machte um ihren "Jungen", der nur mit Puppen spielen wollte und schrie, wenn er zum Friseur gehen sollte. Immer nur wurde nach Wegen gesucht, wie sie ein richtige Junge werden könne, sei es durch psychologische Behandlungen, durch Verhaltenstherapien oder - wie es der autoritäre Vater versuchte - mit Gewalt. Nie ging es darum, wie ein Leben als Frau möglich sein könnte.

"Es war ein zerrissenes Leben!", sagt sie. "Ich kam sogar mal vor ein Jugendgericht, weil ich immer wieder Frauenwäsche von den Wäscheleinen klaute. Ich wagte ja damals noch nicht, mir solche Dinge selbst zu kaufen. Ich wagte überhaupt nichts, außer immer intensiver daran zu denken, dass ich so nicht mehr weiterleben und mich ebenso gut umbringen kann." Die Einsamkeit war so schrecklich, diese Unmöglichkeit, echte Freunde zu gewinnen. "Wie kann man denn echte Freunde haben, wenn man niemals zu sagen wagt, wie es um einen steht?"

An Bord der Schiffe, als ausgezeichnete Elektrotechnikerin, die ihre Maschinen kannte und die Arbeit liebte, hieß sie bei den meisten "die Alex". Was zählte war, dass sie ihren Beruf beherrschte. Als aber in den 1990er Jahren das große "Ausflaggen" begann und auch die Schiffe ihrer Reederei nicht mehr unter deutscher Flagge fuhreb, sondern billigere Arbeitskräfte angeheuert wurden, hieß es, sich in Deutschland an Land neue Arbeit zu suchen. Es wurde aus mehreren Gründen zur persönlichen Katastrophe.

Ihre Hormonpräparate musste sie sich auf dem Schwarzmarkt besorgen, da ihre deutsche Krankenkasse sich mit Verweis auf entsprechende Behandlungsrichtlinien weigerte, für die Kosten aufzukommen. Ohne jede ärztliche Begleitung zog sie die Hormonkur weiter durch. Doch als ihr an ihrer neuen Arbeitsstelle, einer großen Firma für Eismaschinen, aus fadenscheinigen Gründen gekündigt wurde, nachdem die Chefs ihr zu verstehen gegeben hatten, dass sie mit ihrer androgynen Erscheinung den Kunden nicht zumutbar sei, geriet sie erneut in einen verzweifelten Teufelskreis. Sie setzte alle Medikamente ab, versteckte den Busen, änderte die Frisur, versuchte noch einmal mit aller Gewalt, als Mann zu existieren und hätte das im Jahr 1998 um ein Haar bei einem Selbstmordversuch mit dem Leben bezahlt. Da endlich beschloss sie, aufs Ganze zu gehen und sich, mit all den vielen Bedingungen, die dafür erfüllt werden müssen, einer Operation zu unterziehen.

"'Rekonstruktion' heißt das", betont sie. "Die Entfernung meines männlichen Geschlechtteils war keine 'Geschlechtsumwandlung', sondern ein Akt, um meine Seele zu retten, sie endlich richtig nach außen repräsentieren zu können." Insgesamt 14 Eingriffe waren nötig und zuvor über ein Jahr psychologische Behandlung, damit rechtlich rundherum sicher gestellt sei, dass kein anderer Weg gangbar wäre. So sehr die lange psychologische Betreuung auch ihre Geduld strapazierte, es war immerhin das erste Mal, dass sie deutschen Ärzten gegenüber deutlich über ihr Problem sprach. "Ich hörte auf, gegen mich selbst zu kämpfen, ich hörte endlich mit diesem auf Selbstvernichtung hinauslaufenden Kampf auf!"

Schließlich ließ sie auch ihren Namen ändern. In Personal- und Sozialversicherungsausweis steht nun kein männlicher Vorname mehr, sondern "Alexandra". 2.200 Euro zahlte sie für diese Prozedur. Seit sieben Jahren trägt sie nun auch in der Öffentlichkeit weibliche Kleidung, nicht gerade das "kleine Schwarze", aber doch Blusen und Hosen aus der Damenabteilung und gerne auch Röcke und bunte Strumpfhosen. Für ihr Privatleben war das alles unbestritten gut. Ihr Freundeskreis schrumpfte nicht endgültig zusammen, er wuchs "riesig" an, seit sie ihr großes Geheimnis preisgegeben hatte. "Jetzt weiß ich, dass die Menschen, die mich mögen, auch wissen, mit wem sie es zu tun haben."

Was aber die Arbeit betraf, da hatte sich kein Stück geändert. Aus Angst, eine Stelle in der Metzgerei einer bekannten Supermarktkette als Frau nicht zugesprochen zu bekommen, bewarb sie sich - eigentlich wider besseres Wissen - als Mann. "Transsexuell und der Arbeitgeber einen Metzgereibetrieb - das wird doch nie was, dachte ich." Aufgrund ihrer breiten Kenntnisse rund um Elektrotechnik und Maschinenbau wurde sie sofort angenommen, doch nun begann - zum letzten Mal - das Abtauchen in den "Tarnmodus". Auch körperlich inzwischen eine Frau, übernahm sie am Arbeitsplatz wieder die Männerrolle, wandte sich beim Umziehen in der Männerkabine ab, betonte ihre dunkle Stimme, begann das ganze unerträgliche Spiel von Neuem.

Nach wenigen Monaten dann bestand sie vor der Geschäftsleitung mit Verweis auf ihre Papiere darauf, als transsexuelle Frau anerkannt zu werden, mit der Folge, dass ihr verboten wurde, die Damentoilette zu benutzen. Sie wiederum weigerte sich, eine spezielle, extra für sie eingerichtete Toilette zu betreten und so kam es, wie es kommen musste: Nach zwei Jahren war ein Kündigungsgrund gefunden. "Und ich hatte da einfach nicht mehr die Kraft, per Gerichtsbeschluss dagegen anzugehen."

Also vorläufig wieder arbeitslos. Alexandra Galle nutzte die Zeit, um sich einer Operation der Stimmbänder zu unterziehen. Zehn Monate lang konnte sie nicht sprechen und zerkritzelte unzählige Schreibtafeln in Gesprächen mit ihren Freunden. Dunkel ist ihre Stimme immer noch, und dass sie weiterhin Blicke auf sich zieht als Frau mit so großer Gestalt, den kräftigen Schultern, dem durchaus männlichen geschnittenen Gesicht, daran wird sich wohl nichts ändern. "Na und?", sagt sie. "In Bad Eilsen komme ich gut klar. Die Leute kennen mich, manche sprechen mich sogar einfach so an und sagen, dass sie richtig finden, was ich mache." Als ein Freund sie mal auf dem Schützenfest gegen einen Stänkerei verteidigte, war das ein sehr gutes Gefühl.

Was fehlt, ist eine neue Arbeitsstelle. Obwohl sie eine hochqualifizierte Fachkraft ist, würde sie "jeden Job" annehmen. Was ebenfalls fehlt, wäre eine Liebesgeschichte, ja. "Natürlich gab es immer den einen oder anderen Mann, der mir gefiel", sagt sie. "Doch was muss das für ein großartiger Mensch sein, der mit mir zusammenleben könnte. Er müsste sich ja selbst den vielen Vorurteilen stellen, im Schützenverein, am Stammtisch, unter den Freunden. Ob es so einen wohl gibt?"

Sie tritt so selbstverständlich auf, ist witzig, geistreich und voller angenehmer Selbstironie. Wer länger mit ihr zusammen ist, vergisst, dass hinter ihrem heutigen Auftreten eine so große, dramatische Anstrengung lag. "Wenn ich von meinem Leben erzähle, dann erscheint es den meisten Menschen als 'Leidensweg'", sagt sie. "Und natürlich haben sie irgendwie recht. Aber ich will es eigentlich nicht so nennen. Schließlich war es auch der Weg zu mir selbst."

Bernt Ture von der Mühlen

Gute Bücher in die richtigen Hände bringen

Eine lebhaft vorgetragene Empfehlungsliste des Buchwissenschaftlers Bernt Ture von der Mühlen

Rinteln. (cok) "Gebt und Bücher, gebt uns Flügel!" - diese berühmten Worte von Astrid Lindgren passen wunderbar zu dem höchst unterhaltsamen Vortrag über lesenswerte Buchneuerscheinungen, den der Buchwissenschaftler Bernt Ture von zur Mühlen in der Buchhandlung Sedlmair hielt. Insgesamt zwanzig Romane, Erzählungsbände und Sachbücher stellte er mit so viel Begeisterung und Anekdotenwissen vor, dass man jedes Einzelne hätte kaufen mögen, um sich von all den Geschichten davontragen zu lassen.

Der gelehrte, rhetorisch sehr begabte Mann schrieb nicht nur zahlreiche Studien zum klassischen Antiquariat und zur Geschichte des Verlagswesens, er arbeitet auch als Dozent für Deutsche Literatur und Verlagsgeschichte an den Schulen des deutschen Buchhandels in Frankfurt am Main. Nicht verwunderlich also, dass seine erste Buchempfehlung eines Band voller Geschichten über verrückte, gar mörderisch fanatische Büchersammler galt, Alexander Pechmanns "Das Haus der Bücherdiebe".

"Gute Bücher müssen in die richtigen Hände kommen", so rechtfertigt darin ein spanischer Priester seine Mordtat um eines wertvollen Buches Willen. Bernt Ture von zur Mühle selbst geht natürlich nicht über Leichen, aber das Anliegen seiner Buchvorstellungen, die er seit 25 Jahren in ganz Deutschland durchführt, besteht durchaus darin zu zeigen, dass es für fast jeden Lesetyp ein wirklich gutes Buch zu entdecken gibt. Noch lange nach dem Vortrag blieben die Zuhörer im Laden, blätterten in den ausgelegten Büchern und freuten sich, nun jede Menge Geschenkideen für die ganze Reihe der Freunde und Verwandten zu haben.

Melinda Nadj Abonjis autobiographischer Roman über das Seelenleben einer serbischen Flüchtlingsfamilie in der neuen Heimat Schweiz, der gerade in einem spannenden Auswahlverfahren den Deutschen Buchpreis erhielt, er sei für ihn selbst eine große, dabei äußerst positive Überraschung gewesen, hätte er doch gemeint, Peter Wawerzinek würde diese Auszeichnung erhalten mit seiner düster bedrückenden Autobiographie "Rabenliebe", der von einer grausam treulosen Mutter handelt.

Beide Bücher und auch alle folgenden fasste er in lebendigen Worten zusammen, ohne Redemanuskript, mit lebhafter Mimik über das kleine Rednerpult gebeugt, Inhaltsangaben, die selbst schon wieder Geschichten waren. Günter Grass' "Liebeserklärung" an Jakob Grimm, den ersten deutschen Philologen, Märchensammler und Organisator des etymologischen "Grimmschen Wörterbuchs" konnte er, dabei gar kein Grass-Liebhaber, nur in den höchsten Tönen loben, ebenso wie ein Büchlein von diesem Jakob Grimm, seine "Rede über das Alter", die klug, sehr ernst und gleichzeitig sehr humorvoll sei, so dass man sie ohne Bedenken an einen wirklich alten Leser verschenken könne.

Die "Urfassung" von Jack Kerouacs Hippie-Klassiker "On the Road" empfahl er als zeitlose Lektüre für junge Leute ebenso wie "Meine kaukasische Großmutter" des "Russendisko"-Autors Wladimir Kaminer oder "Amsterdam und zurück" von Marente de Moor, ein geistreicher Roman über die Art, wie sich russische Immigranten in den Niederlanden so durchschlagen. Auch das Sachbuch "Die zweite Erfindung der Welt", eine Anekdotensammlung über erstaunlich viele Entdeckungen, die die Menschheit erst vergessen und dann neu erfunden hatte (Floris Cohen) und Reinhold Messners "On Top" über großartige Bergsteigerinnen fanden sich auf seiner Empfehlungsliste wieder.

Seine eigene Biographie über Hoffmann von Fallersleben, dem Autor der Nationalhymne und fast aller bekannten älteren Kinderlieder, wagte er auch zu erwähnen, und wenn er so anschaulich und anregend schreibt, wie er reden kann, dann dürfte auch das eine schöne Leseempfehlung sein. Bert Ture von zur Mühlen wird im nächsten Jahr erneut in die Buchhandlung Sedlmair kommen. Jetzt liegen dort seine Lieblingsbücher aus, und die Buchhändlerinnen werden gewiss noch beflügelt genug sein, sie in seinem Sinne weiterzuempfehlen.